Vier Rollen, die KI-Transformation handlungsfähig machen
Warum bleiben viele KI-Initiativen trotz vorhandener Technologie und erster Pilotprojekte stecken? Der neue Open-Access-Beitrag „Von Promotoren zu KI-Rolleneinheiten“ zeigt, dass erfolgreiche KI-Transformation nicht nur geeignete Anwendungen, sondern klar abgedeckte Funktionen, Verantwortlichkeiten und Kompetenzen benötigt. Das entwickelte Rollen- und Kompetenzmodell (Vier Rollen, die KI-Transformation handlungsfähig machen) bildet zugleich eine wichtige wissenschaftliche Grundlage für die Arbeit von FITLO.

Wenn nicht die Technologie das eigentliche Problem ist. Vier Rollen, die KI-Transformation handlungsfähig machen
Viele Organisationen erproben Künstliche Intelligenz, entwickeln erste Anwendungsfälle oder setzen Prototypen um. Dennoch gelingt es häufig nicht, diese Ansätze dauerhaft in Prozesse, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsstrukturen zu überführen.
Die Ursachen liegen nicht allein in der Technologie. In der Praxis zeigen sich häufig andere Barrieren:
KI-Vorhaben besitzen kein ausreichendes Mandat oder keine klare Priorität.
Fachliche Anforderungen werden nicht in technisch prüfbare Anwendungsfälle übersetzt.
Datenzugänge, Freigaben, Governance oder Betriebsmodelle bleiben ungeklärt.
Zwischen Fachbereichen, IT, Führung und weiteren Beteiligten entstehen Verständigungs- und Akzeptanzprobleme.
Rollen und Verantwortlichkeiten sind nicht eindeutig zugeordnet.
Kompetenzprofile bleiben zu allgemein und sind nicht auf konkrete Funktionen ausgerichtet.
Der Beitrag setzt deshalb bei einer organisationalen Frage an: Welche Funktionen müssen in einer KI-Transformation abgedeckt sein und welche Kompetenzen werden dafür benötigt?
Wie das Modell entwickelt wurde
Die Studie verbindet eine qualitative Fallstudie mit einer externen Kompetenzbewertung.
Über einen Zeitraum von sechs Monaten wurden mehrere KI-Initiativen in einem produzierenden Unternehmen begleitet. In die Untersuchung flossen 18 Strategie-, Workshop-, Abstimmungs- und Reflexionsformate sowie 14 projektbezogene Dokumente ein. Analysiert wurden wiederkehrende Umsetzungsbarrieren, Beiträge unterschiedlicher Akteursgruppen und die Funktionen, die diese Beiträge für den Fortgang der KI-Initiativen erfüllten.
Aus diesen Beobachtungen wurden zunächst vier wiederkehrende Rolleneinheiten rekonstruiert. Erst anschließend erfolgte die theoretische Einordnung anhand des Promotorenmodells der Innovationsforschung.
In einem zweiten Schritt bewerteten 17 externe Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Unternehmenspraxis die Relevanz von zwölf KI-Kompetenzfeldern für die vier Rolleneinheiten. Das zweistufige Delphi-Verfahren ermöglichte es, für jede Funktion ein eigenes Kompetenzprofil zu priorisieren.
Die vier KI-Rolleneinheiten
Orchestrator
Der Orchestrator schafft die strategische Legitimation für ein KI-Vorhaben. Er klärt Ziele, Prioritäten, Ressourcen, Verantwortlichkeiten und Erfolgskriterien. Seine Aufgabe besteht darin, den notwendigen Entscheidungs- und Handlungsspielraum zu eröffnen.
Fehlt diese Funktion, bleiben KI-Initiativen häufig unverbindlich, erhalten keine ausreichenden Ressourcen oder verlieren sich in Zielkonflikten zwischen Nutzen, Risiko und Umsetzungsgeschwindigkeit.
Besonders relevant sind Entscheidungsfähigkeit, kritisches Denken, ethische Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit und Selbstbestimmtheit.
Deliverer
Der Deliverer übersetzt fachliche Problemstellungen in technisch bearbeitbare KI-Anwendungsfälle. Er konkretisiert Anforderungen, prüft Datenverfügbarkeit und entwickelt Prototypen oder Lösungsentwürfe.
Fehlt diese Funktion, bleiben Use Cases abstrakt oder können technisch nicht belastbar bewertet und umgesetzt werden.
Im Kompetenzprofil stehen Systemdesign, Umsetzungsfähigkeit, kreative Problemlösung, kritische digitale Kompetenz und aktive Steuerungsfähigkeit im Vordergrund.
Enabler
Der Enabler schafft die organisatorischen und technischen Voraussetzungen für eine verantwortbare Umsetzung und Skalierung. Dazu gehören Datenzugänge, IT-Architektur, Datenschutz, Informationssicherheit, Freigabeprozesse, Betriebsmodelle und Qualifizierung.
Fehlt diese Funktion, können selbst technisch überzeugende Lösungen an organisatorischen Hürden scheitern.
Der Enabler benötigt insbesondere aktive Steuerungsfähigkeit, Systemdesignkompetenz, kritische digitale Kompetenz, Kooperationskompetenz und ethische Kompetenz.
Connector
Der Connector verbindet unterschiedliche Perspektiven und vermittelt zwischen Fachbereichen, IT, Führung, Governance-Funktionen und weiteren Betroffenen. Er übersetzt Anforderungen, bearbeitet Akzeptanzfragen und macht Interessen- oder Verständigungskonflikte lösbar.
Fehlt diese Funktion, entstehen Silodenken, Widerstände oder unterschiedliche Erwartungen an die Möglichkeiten und Grenzen von KI.
Zu den wichtigsten Kompetenzfeldern gehören Kommunikation, Kooperation, ethische Kompetenz, Selbstbestimmtheit und kritisches Denken.
Die wichtigste Erkenntnis: Es geht nicht um vier neue Stellen
Orchestrator, Deliverer, Enabler und Connector sind keine festgelegten Berufsbezeichnungen und auch keine Aufforderung, vier zusätzliche Stellen zu schaffen.
Sie beschreiben Funktionsbündel, die in einem KI-Vorhaben wirksam abgedeckt sein müssen. In kleineren Vorhaben kann eine Person mehrere Funktionen übernehmen. In größeren oder stärker regulierten Organisationen können einzelne Funktionen auf mehrere Personen oder bestehende Organisationseinheiten verteilt sein.
Entscheidend ist deshalb nicht, ob diese Bezeichnungen im Organigramm vorkommen. Entscheidend ist, ob strategische Legitimation, fachlich-technische Konkretisierung, organisationale Befähigung und soziale Vermittlung tatsächlich vorhanden sind.
Partizipation braucht Struktur
Ein weiterer Befund betrifft die Beteiligung unterschiedlicher Akteursgruppen. Partizipative KI-Transformation entsteht nicht dadurch, dass möglichst viele Personen an möglichst vielen Terminen teilnehmen.
Wirksame Partizipation bedeutet, die richtigen Akteure entsprechend ihrer Expertise, Verantwortung und Betroffenheit in Entscheidungen, Umsetzung, Befähigung und Vermittlung einzubinden.
Das Modell verbindet deshalb Rollenklärung, Kompetenzentwicklung, Governance und Beteiligung. Es macht sichtbar, dass KI-Transformation eine verteilte Gestaltungs- und Verantwortungsaufgabe ist.
Wie Organisationen das Modell nutzen können
Das Rollen- und Kompetenzmodell kann als Diagnose- und Gestaltungsinstrument eingesetzt werden. Organisationen können damit prüfen:
Welche der vier Funktionen sind in unserem KI-Vorhaben bereits abgedeckt?
Wo bestehen Verantwortungs- oder Kompetenzlücken?
Welche Akteursgruppen müssen zusätzlich eingebunden werden?
Welche Kompetenzen sollten gezielt aufgebaut werden?
Benötigen wir eine interne Rollenklärung, Qualifizierung oder externe Besetzung?
Wie müssen Verantwortlichkeiten für Pilotierung, Skalierung und Betrieb verteilt werden?
Damit unterstützt das Modell nicht nur die Analyse bestehender KI-Initiativen, sondern auch deren Projektbesetzung, Qualifizierungsplanung und organisationale Verankerung.
Wissenschaftliche Grundlage für die Arbeit von FITLO
Das Modell bildet insbesondere eine wichtige Grundlage für FITLO Search. Die Personalsuche beginnt nicht bei einer üblichen Stellenbezeichnung, sondern bei der Frage, welche Funktion einem konkreten KI-Vorhaben fehlt. Erst daraus entstehen Aufgaben, Verantwortlichkeiten, Kompetenzanforderungen und geeignete Suchprofile.
Auch für FITLO Research und FITLO Funding ist die Rollenarchitektur relevant. Forschungs- und Fördervorhaben benötigen nicht nur eine überzeugende Fragestellung, sondern auch eine tragfähige Projektorganisation. Das Modell hilft dabei, Verantwortlichkeiten, Partnerbeiträge und notwendige Kompetenzen frühzeitig zu klären.
Es zeigt zugleich, wofür FITLO steht: Wissenschaftliche Erkenntnisse werden so aufbereitet, dass Organisationen damit konkrete Entscheidungen treffen, Vorhaben strukturieren und zentrale Rollen gezielt besetzen können.
Grenzen und weiterer Forschungsbedarf
Das Rollenmodell wurde aus einer eingebetteten Fallstudie in einem produzierenden Unternehmen entwickelt. Es ermöglicht daher keine statistische Verallgemeinerung. Die vier Rolleneinheiten sind als empirisch fundierte und theoretisch verdichtete Gestaltungslogik zu verstehen.
Weitere Studien sollten untersuchen, wie sich die Rollenarchitektur in unterschiedlichen Branchen, Organisationstypen und KI-Reifegraden bewährt. Ebenso ist zu prüfen, wie sich Rollen- und Kompetenzbedarfe zwischen Exploration, Pilotierung, Skalierung und Routinebetrieb verändern.
Der Beitrag ist Open Access verfügbar
Der vollständige Beitrag ist in der Zeitschrift HMD – Praxis der Wirtschaftsinformatik erschienen:
Florian Härer: „Von Promotoren zu KI-Rolleneinheiten: Ein rollen- und kompetenzbasiertes Modell für partizipative KI-Transformation“
KI-Transformation wird nicht durch eine einzelne Rolle erfolgreich. Sie wird erfolgreich, wenn komplementäre Funktionen, klare Verantwortlichkeiten und die passenden Kompetenzen wirksam zusammenspielen.

